Nina Dorizzi gibt ihre Erfahrungen in Buchform an Menschen weiter,
die an einem selbstbestimmten Leben interessiert sind.

   
 
 
Das Buch ist bei Urs Dorizzi erhältlich.

Nina, herangewachsen unter der Obhut ihrer alleinerziehenden Mutter und ihrer »Babuschka«, ist ein sportliches junges Mädchen, mal lustig, mal besinnlich - da erkrankt sie mit 16 Jahren an Kinderlähmung. Sie muss Jahre in einem Spital verbringen, angewiesen auf künstliche Beatmung, ausgeliefert den Medizinern und dem Pflegepersonal. Aber Nina gibt nicht auf. Zwar durchläuft sie alle schmerzvollen Stadien der Angst, Wut, Hadern mit Gott, Hoffnung auf ein Wunder, aber schließlich gelingt es ihr, ihr Schicksal weitestmöglich zu steuern. Sie erkämpft sich ein selbstbestimmtes Leben, sie erfährt, dass sie anderen helfen kann. Zusammen mit ihrem Mann gründet sie eine behinderungskompensatorische Einrichtung und kämpft in der Öffentlichkeit für die Rechte Behinderter und für ein Leben nach freier Wahl. Ihr Buch will nicht nur auf diese Probleme aufmerksam machen, sondern Menschen helfen, den eigenen Sinn in ihrem Leben zu finden und den Mut zu bewahren.

 

Ein kurzer Ausschnitt aus dem Buch:

Peter, der mehr als 1 Jahr bei mir als persönliche Assistenz arbeitete, benahm sich eigentlich von Anfang an völlig daneben. Den ersten Schock erhielt ich, als ich mit ihm an die Mustermesse fuhr. Glücklicherweise war ich nicht alleine mit ihm, sonst hätte man mich mit großer Sicherheit ins Irrenhaus einliefern können. Meine russischen Freunde waren mit dabei, und auch Iris. Schon auf der Hinreise begann er plötzlich ganz aufsässig zu werden. Damals kannte ich ihn noch kaum und es war mir ein Rätsel, was ihm wohl über die Leber gekrochen ist. Marina, meine russische Freundin, Sekretärin und Dolmetscherin in Moskau, behandelte er wie der letzte Dreck, richtig erniedrigend. Mich nahm er wohl eher wie ein kleines Kind, wie sein Eigentum. Nicht er achtete auf mich, ich musste hinter ihm her wetzen, wollte ich nicht das Risiko eingehen, einfach in der nächsten Minute alleine und verlassen im Menschentrubel zu stehen. Dabei muss ich ergänzen, dass ich an meinem Elektrorollstuhl ein Beatmungsgerät habe, also künstlich beatmet werde. Das bedeutet, dass mein oder meine AssistentIn nie außer Rufweite sein darf. Jede Maschine kann einmal aussetzen. Innert drei Minuten habe ich einen Hirnschaden, innert fünf Minuten segne ich das Jenseits. Die zweite Variante ist weniger schlimm als die erste.

Das wäre der richtige Zeitpunkt gewesen, um Peter nahe zu bringen, dass er sich eine andere Arbeit suchen müsse. Ich tat es nicht. Stattdessen drohte er mir mit seiner Kündigung, und ich war froh (die verdammte Abhängigkeit), als er sie zurückzog. In Bezug auf Männer, egal ob Angestellte oder Partner, habe ich eine schwache Seite. Da ich in einem Dreimädelhaus aufgewachsen bin, keinen Bruder hatte, habe ich nie gelernt mit »Mann« umzugehen, »Mann« auch nur einiger Massen zu verstehen. Der Mann ist für mich ein kleiner Gott, etwas Unerreichbares, anwesend und doch weit weg. Wie geht man mit einem Gott um? Ich kenne seine Sprache nicht, habe eine gewisse Scheu, ihm etwas zu sagen oder etwas zu fragen. Ich äußere mich nicht in Worten und nehme an, dass er mich trotz allem versteht. Er hält mich im Bann, weil er mir so fremd ist. Doch trotzdem schützt er mich und gibt mir eine gewisse Wärme. Und oft lässt er mich kalt stehen, dann bricht in mir eine Welt zusammen. Dann zwingt er mich zielstrebig, mir meinen Weg frei zu schaufeln, ihn zu leben und zu gestalten, meinen Weg zu lieben, ihn zu schützen und diesen einen Weg als den meinen zu betrachten.

Peter ist weg und ich bin wie von einer schweren Last befreit. Er war der zweite Mann, den ich als persönliche Assistenz bei mir angestellt hatte. Schon bei Edi ertrug ich Situationen, die mein Leben ernsthaft gefährdeten. Er war Alkoholiker, was ich eigentlich schon recht bald befürchtet hatte, doch einfach nicht wahr haben wollte. Oftmals war er so betrunken, dass er sogar neben mir torkelte. Ob er in einem solchen Zustand bei einer Panne meines Beatmungsgerätes noch richtig reagiert hätte, ist eine Frage, die unbeantwortet bleibt. Was fest wie ein Felsbrocken da steht, ist die Tatsache, dass ich dieser eigentlich für alle Beteiligten unbefriedigten Lage, kein Ende bereitete. Ich hatte Angst etwas zu verlieren. Ich wartete ab, bis mein Leben nur noch an einer Hanffaser hing. Edi kam schon am Morgen um 7.00 Uhr stock besoffen zur Arbeit. Er verstand nur noch »Bahnhof«, kotzte und verlor mehrere Male sein Gleichgewicht. Beim Absaugen vergaß er mich wieder an die Beatmungsmaschine anzuschließen. Glücklicherweise hatte mein Mann das Haus noch nicht verlassen und hörte meinen Alarm, der bei einem Unterdruck wie auch bei Überdruck zu läuten beginnt.

Wozu warte ich denn eigentlich immer, oder beinahe immer, bis kurz vor einer großen Katastrophe? Brauche ich das zur Rechtfertigung meiner Tat? Plötzlich höre ich dann eine Stimme zu mir sprechen: »Nina, nimm dein Leben in deine Hand, egal was die anderen denken. Es ist deine Entscheidung. Deine Ansicht ist gefragt.«